Nr. 29

Polit-Spaghetti

aus »Schlund«, 2018

Mit 15 wurde ich Kommunist. Weil das Schicksal es so wollte: Ein Jahr zuvor war ich zufällig in der Elberfelder City unterwegs, als ein Strom Menschen an mir vorüberzog.

»Leute, lasst das Gaffen sein, reiht euch in die Demo ein!«, skandierten sie.

Ein Langhaariger gab mir ein Flugblatt. Ich las: »Weg mit den Fahrpreiserhöhungen!«. Das klang gut und richtig, also lief ich mit.

Als die Demo längst beendet war, besetzte eine Handvoll Leute eine Straßenkreuzung, es wurden immer mehr. Autos hupten im Konzert, die Demonstranten brüllten zurück und schwangen ihre Plakate und Transparente. Ein Drama, dem ich mich nicht entziehen konnte – ich stellte mich zu ihnen auf die Kreuzung!

Bald trat die Staatsmacht auf den Plan und vertrieb uns knüppelschwingend in die Seitenstraßen. Dann zogen sich die Uniformierten zurück, und der Mob strömte erneut auf die Straße. Bis die Polizei zur Rückeroberung ansetzte.

Dieses Schauspiel wiederholte sich etliche Male. Wenn es eng wurde, lief ich um mein Leben, wohingegen ich die Faust gen Himmel reckte, wenn die Kreuzung wieder in unserer Hand war.

Nach einer Weile schienen alle Beteiligten der Rumrennerei müde, das Spektakel löste sich auf.

Das war mein erster Krawall. Mit Polizeiattacken, Festnahmen und blutenden Köpfen. Ich war 15 und fand Gefallen daran.

Am Wochenende darauf entdeckte ich einen Informationsstand des »Komitees gegen die Fahrpreiserhöhungen« in der Fußgängerzone und sprach einen der Aktivisten an. Es stellte sich heraus, dass er als Kommunist, Maoist und Mitglied der KPD/ML eine für mich neue Interpretation der Dinge auf Tasche hatte. »Und deshalb brauchen wir die proletarische, sozialistische Revolution«, schloss er seinen Vortrag.

Ich sonnte mich im Gefühl, als »Arbeiterjugendlicher« eine wichtige Rolle bei dieser Revolution zu spielen.

Auf einer Veranstaltung zum »Befreiungskampf des Volkes von Zimbabwe« lernte ich Jürgen kennen. Er war ein paar Jahre älter als ich und Mitglied im »Kommunistischen Bund Westdeutschlands« KBW. Er war dick und trug eine Hornbrille. Mit seinem Kurzhaarschnitt hätte er ein Rechter sein können, aber das täuschte. Jürgen trat für die »Volksbewaffnung« ein und gegen »Zionismus und US-Imperialismus«. Die Sowjetunion bezeichnete er ebenfalls als »imperialistische Macht«, als »Verräter am Kommunismus« und »Revisionisten«.

Kurzum, Jürgen war auch ein Maoist! Die vormals langen Haare hatte er abgeschnitten, um beim Flugblattverteilen vertrauenerweckender auf die aus den Fabriktoren herausströmenden Arbeiter zu wirken.

»Hast du das mit Kambodscha gestern in der Zeitung gelesen?«, fragte ich ihn. Dort herrschten seit dem Ende des Vietnam-Krieges die Roten Khmer. Und laut BILD hatten diese in den letzten Jahren Hunderttausende ermordet. Eine ähnliche Meldung im General-Anzeiger. Konnte also nicht völlig frei erfunden sein, keine BILD-Ente.

»Frag dich mal, wem die Zeitungen gehören!« So wie er Daumen und Zeigefinger aneinanderrieb, war keinerlei Zweifel möglich.

»Na, den Kapitalisten, ist doch klar!«, antwortete ich.

»Warum sollten die Kapitalisten ein Interesse haben, die Wahrheit über das Demokratische Kampuchea zu berichten?« So nannte der KBW das kommunistische Kambodscha mit dem Genossen Pol Pot an der Spitze. »Die Lügenpresse will den Sozialismus in den Dreck zu ziehen. Damit die Arbeiter hier gegen ihre eigenen Interessen handeln und auf dem Stimmzettel brav die Handlanger der Bourgeoisie ankreuzen!«

»Lügenpresse auf die Fresse«, sagte ich. Wir lachten.

 

Irgendwann begann die Veranstaltung zu langweilen. Eine Gruppe schwarzafrikanischer Sängerinnen hatte eine Weile »Zimbabwe, Chimurenga, Zimbabwe … Zimbabwe, Zimbabwe, Chimurenga« in Endlosschleife geträllert und dazu in die Hände geklatscht. Verschiedene Redner ereiferten sich über Imperialismus und Kapitalismus, es lebe Robert Mugabe, der Anführer der Zimbabwe-Rebellen, und so weiter und so fort. Ein Korb ging durch die Reihen, die Besucher packten große Scheine hinein, Fünfziger und Hunderter. Die nächste Rede! Ächz!

Aber da war ich schon längst in das Perry-Rhodan-Heft vertieft, das ich sicherheitshalber mitgebracht hatte.

»Was ist denn das? Bürgerliche Schundliteratur?«, sprach mich jemand von der Seite an. Ich hob den Kopf und erkannte Jürgen.

»Na ja. Perry Rhodan. Science Fiction eben.« Ich fürchtete eine Strafpredigt, weil ich nicht Marx und Engels las, sondern Weltraumabenteuer.

»Da sind wir ja schon zwei!« Jürgen grinste. »Ich verschlinge die Dinger seit Ewigkeiten! Und ein bisschen versuche ich mich an Kurz-

geschichten.«

Da er nun mitbekommen hatte, dass wir dem selben Hobby verfallen waren, taute er sichtlich auf, ich erfuhr das eine oder andere Private.

»Vor drei Wochen habe ich geheiratet. ’Ne Türkin«, erzählte er.

»Echt? Kann ich mir gar nicht bei dir vorstellen.«

»Ich auch nicht. Na ja, meine Mutter hat mich drum gebeten. Yüksel ist ’ne Arbeitskollegin von ihr. Und durch die Ehe wird ihre Ausweisung verhindert. Ist kein Problem für mich. Hoch die Internationale Solidarität und so.«

»Und was sagt dein Vater dazu?«

»Der ist seit ein paar Jahren tot. Wird sich wohl jetzt im Grab umdrehen. Der stand auch nach dem Krieg noch zu Hitler, Volk und Vaterland.«

»Hartes Brot.«

»Ja. Aber er hatte schon was drauf. Seine Geschichten von früher, aus Stalingrad und so, die waren spannender als jeder Karl-May-Roman. Wegen ihm habe ich zuerst Landser-Hefte gelesen, bin aber dann zu Perry Rhodan umgestiegen. Und wenn man sich erst mal mit der Zukunft beschäftigt, ist der Weg zum Kommunismus nicht weit.«

»Das stimmt«, sagte ich. »War bei mir ähnlich.«

 

Drei Jahre später spielte eine ganz andere Musik. Irgendwann hatte ich Jürgen mit Dirk Kanzari bekanntgemacht; wir beschlossen, zusammen ein Science-Fiction-Fanzine herauszugeben. Es hieß Whistler, und mit der zweiten Ausgabe konnten wir von Fotokopie auf Offsetdruck umsteigen. Wir hätten die Welt erobern können – tja … wenn sich die Welt nicht gegen uns verschworen hätte!

Jürgen hatte wie ich längst dem Kommunismus abgeschworen. Das war ok. Wenn Groschen fallen, sollte man das nicht ignorieren. Aber eines Tages kam er mit ganz wilden Theorien an.

»Glaubst du wirklich, dass sechs Millionen Juden im Dritten Reich ermordet wurden?«

»Weiß nicht. Sieht so aus.«

»Überleg mal: Wer profitiert am meisten davon, dass wir uns deswegen schuldig fühlen? Israel! Die Amis! Der Sieger schreibt die Geschichtsbücher!«

»Und deshalb sind die Juden gar nicht ermordet worden, oder was?«

»Vielleicht waren es ja viel weniger. Warst du dabei? Es gibt aber Beweise, dass an der Geschichte was nicht stimmt. Habe da ein paar Sachen gelesen … in Auschwitz gibt es keine Spuren von Zyklon B! Da ist niemand vergast worden!«

Ich war sprachlos. Jürgen war mein Freund, genauso wie Dirk, und gemeinsam produzierten wir das beste Fanzine der Welt. Und nun redete er absoluten Stuss.

»Mann, lass uns lieber nicht mehr über Politik reden. Sonst nimmt das ein böses Ende«, sagte ich.

Das taten wir. Aber es half nichts. Jürgen kam immer schräger drauf. Er hatte gerade die Fantasy für sich entdeckt, und seine Kurzgeschichten wimmelten nun von muskulösen, blonden Recken, die ganze Horden von krummnasigen Gnomen wegmetzelten. Dazu quatschte er jeden, der ihm über den Weg lief, mit Ansichten zu »Siegerjustiz« und Kriegsschuld voll.

»Das Verbot der NSDAP durch die Alliierten ist unrechtmäßig«, erklärte er gerne. »Nur das deutsche Volk hat das Recht, darüber zu entscheiden!«

Bald darauf riefen diverse Science-Fiction-Clubs zum Boykott unseres Fanzines auf. Sie forderten »Nazis raus aus dem Fandom«. Als ich hörte, dass Jürgen auf einer Convention eine scharfe Knarre als Beschwerer für einen Stapel Whistler-Hefte verwendet hatte, wusste ich, dass es eng wurde.

Dann kamen Dirks Eltern bei einem Autounfall ums Leben. Er hing den ganzen Tag apathisch in der Bude ab, schrieb keine Zeile mehr und knallte sich die Birne mit Pillen aller Art zu. Captagon, Vesparax, was weiß ich.

Das und Jürgens Nazi-Aktivitäten führte dazu, dass Whistler in einer Sackgasse landete. Ohne die beiden ging nichts. Jürgen und Dirk konnten schreiben, ich jedoch war nur ein Großmaul, ein Amateur.

Ich gab auf. Fuhr jeden Tag mit der Schwebebahn zur Arbeit und zurück und verbrachte die restliche Zeit in meiner Butze. Lag auf dem Bett, starrte an die Decke, hasste mein Leben.

Dann nahmen die Dinge ihren Lauf, Punk enterte mein Leben, und nichts mehr war wie zuvor.

 

Die Kambodscha-Lüge der Medien, der ich als Kommunist entgegentrat, die Auschwitz-Lüge der Sieger, die Jürgen entlarven wollte – durch Punk lernte ich, jenen zu misstrauen, die auf der »richtigen Seite« standen. Die alles beweisen konnten, wenn man ihnen lange genug zuhörte. Die Millionen Tote leugneten und damit erneut umbrachten, um eine weiße Weste vorzuweisen. Und ich würde nie sicher sein können, meinem eigenen Geschwätz in die Falle zu gehen, wenn ich nachplapperte, was ich zuvor aufgeschnappt hatte.

Ich hörte »Holidays in Cambodia« von den Dead Kennedys und »Party in der Gaskammer« von Middle Class Fantasies und begriff, dass des Menschen Wille sein Himmelreich ist. So wie Mutti es immer predigte.

Das Prickeln, das Nazi-Ästhetik bei mir hinterließ, blieb jedoch und ließ sich gut mit Punk vereinbaren. Wir konnten Gruppen wie SS-Ultrabrutal hören und Nazis trotzdem scheiße finden. Inmitten des Polit-Wahnsinns spielten wir nach eigenen Regeln.

Ich hütete weiterhin das Hitler-Originalfoto aus dem Nachlass meiner Oma, bis heute. Ebenso das Briefmarkenalbum und eine wachsende Audio-Sammlung von Nazi-Reden sowie einen Satz Comics und Romane, in denen Hitler den Krieg gewonnen hat oder irgendwo im All über ein Imperium herrscht.

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