Revolution und Konterrevolution

Gorgol, Fantastrips und die Alligator Farm

Mit 17 wurde ich Mitglied eines Perry-Rhodan-Clubs und kam in Kontakt mit der überregionalen Science-Fiction-Fanszene, dem sogenannten »Fandom«. Dadurch änderte sich einiges. Bald wurde ich Mitglied im SFCD, dem "Science Fiction Club Deutschland". Ein traditionsreicher Verein mit einigen hundert Mitgliedern, gegründet u.a. vom späteren Perry-Rhodan-Autor Walter Ernsting.

Sommer 1978: Alle paar Wochen radelte ich 20 Kilometer von Wuppertal-Oberbarmen nach Witten und noch mal 20 Kilometer zurück - meine Touren führten mich zu David Moufarrége vom Perry-Rhodan-Club »Tengri Lethos«. Ein Science-Fiction-Spinner wie ich, genauso wie sein Bruder Peter - der allerdings eher auf Fantasy und im Club FOLLOW stand.

Was mit fleißiger Briefeschreiberei begonnen hatte, mündete bald darauf in einem gemeinsamen Fanzine - GORGOL! Der Name stammte von David, der mit 15 schon wußte, was er wollte und die treibende Kraft war - und ich der Schlauberger, der neben der Schreiberei von Artikeln selbige auch layouten sollte, inklusive der »Graphiken«, wie im SF-Fandom Illustrationen genannt wurden. »Ich kann das«, hatte ich behauptet. Ja, große Fresse konnte ich damals schon. Da stand ich David nichts nach.

Ans Werk: Ich legte mir eigene Tuschefüller zu und kopierte auf eher unbeholfene Weise Conan den Barbaren einschließlich aller Muskeln. Bei zwei Motiven aus Planet der Affen betrat ich Neuland - jedenfalls für mich: Bei einem Bild versuchte ich mich am Tuschepinsel, bei einem weiteren diente ein Foto als Vorlage, das ich mit Bleistift abzeichnete.

So hätte es weitergehen können, Schritt für Schritt, Zeichnen und Üben bis zum Untergang, bis ich’s begriffen hätte. Und wenn er nicht gestorben ist, zeichnet er noch heute.

Doch es kam anders. In einem Comicladen begegnet mir ein blonder Junge, gerade 17 geworden. Er zeigte mir seine Mappe mit Zeichnungen, und ich begriff schlagartig, daß ich NICHTS drauf hatte - und mit Dirk Geiling eines jener sagenumwobenen Supertalente vor mir stand! Den mußte ich festhalten!

Ich dachte: Vergiß das mit dem Zeichnen! Müssen es eben Worte tun. Reden, organisieren, planen, Leute irgendwovon überzeugen, das konnte ich eh besser - besser als nix! Ich begann davon zu träumen, »mehr« zu machen aus meiner Begeisterung für Comics und phantastischer Literatur. Um so dem drohenden Arbeitsleben doch noch zu entkommen. Irgendwann. Irgendwie davon leben … eine Art Fachmann werden … oder Redakteur … am besten ein Pionier. Etwas auf die Beine stellen, was es zuvor noch nicht gegeben hatte!

Bis der Groschen fiel: Ich hob mit FANTASTRIPS ein neues und eigenes Fanzine aus der Taufe und wollte so der »nationalen Zeichner-Szene ein Forum bieten«. Nein, nicht der NPD oder ähnlichen Typen, natürlich nicht, schließlich trieb ich mich auf linken Demos rum. Mehr im Sinne von »Nationalmannschaft«. Solche Begriffe standen damals noch auf keiner PC-Liste.

Der Plan ging auf. Mein Vorhaben fand ein gewisses Echo, dazu befuhr ich mit der Bundesbahn die Lande, Zeichner besuchen und auch neue »Talente entdecken«. Ich scharte ein Zeichner-Heer um mich und wollte deren »Agent« und »Förderer« sein, plante die Herausgabe von Portfolios und Artbooks und kündigte das auch an - was fürn Witz! Und was für eine Selbstüberschätzung! Und immer wieder die Beschwörung von Talent, Talent und noch mal Talent. Das ich nicht hatte. Wenn ich schon nicht zu den Göttern gehören konnte, dann wenigstens deren Hohepriester sein, so sah das für mich aus.

Meine durch keinerlei Realitätssinn gebremste Phantasterei, die später auf andere Weise zu Karl und seiner Punkerei gut paßte - und da auch hervorragend funktionierte! - mußte bei FANTASTRIPS scheitern. Innerhalb von anderthalb Jahren fuhr ich die Nummer an die Wand, bis ich nicht mehr die leiseste Ahnung hatte, wie es weitergehen konnte. Das Geld war alle und gleichzeitig hockte ich überarbeitet und einsam in meinem 25-Quadratmeter-Wohnklo. Produzierte nur noch Ankündigungen und Fragezeichen.

Bis eine Tages Karl wie aus dem Nichts auftauchte, DU FEIGE SAU brüllte und meinen Arsch rettete, just als mich der Abgrund hungrig anglotzte.

Von da an war Punk angesagt, Karl bestimmte den Kurs. Ich hingegen blieb im stillen Kämmerlein verborgen, gab keinen Mucks mehr von mir und verfolgte anerkennend, was Karl aus meinem Leben machte.

Als es zur Jahrtausendwende erstmals stockte und sich eine gewisse Langeweile breitmachte, flüsterte ich Karl ein: Gib doch dem Schund wieder mehr Raum, das macht Spaß! Und mit Deinem Selbstbewußtsein kannst Du bestimmt auch zeichnen! Ich ahnte ja längst, daß es bei mir nicht an mangelndem »Talent« gescheitert war, sondern an meiner Angst. An meinem Verdacht, ein Nichts und Niemand zu sein, jederzeit in der Gefahr aufzufliegen.

Karl fackelte wie gehabt nicht lange. Schrieb sich postwendend an einer Grafik-Schule ein und übte wie doof - nur um ein paar Monate später aufzugeben. »Bringt nix«, sagte er. »Dauert mir alles zu lange. Ich weiß auch gar nicht, was ich zeichnen soll. Außerdem stehen wieder Chaostage an.« Tja, so sind die punkoiden Schnellspritzer gestrickt - wollen immer gleich Ergebnisse sehen, wollen daß es knallt!

Zum Ausgleich machte er meinen anderen Traum aus FANTASTRIPS-Tagen wahr und eröffnete mit der ALLIGATOR FARM ein Comic-Studio. Da schwangen bald zwei Dutzend Könner und Talente (jaja!) für das von der Farm wiederbelebte Perry und andere Comic-Projekte den Bleistift. Auf den ersten Blick ne tolle Sache - mir jedoch schwoll der Kragen. JA WAS DENN NUN? Warum zeichnest nicht DU? Mir schwante Schlimmes.

Und so kam es auch: Seit einer Weile hockt Karl gelangweilt in seinem Bunker und bewegt den Arsch für nichts mehr, was über pure Pflichterfüllung und sein verdammtes PUNKFOTO-Archiv hinausgeht. Kein Bock mehr auf Bühne, auf Politik eh nicht, meint er. »Punk ist zum Ritual erstart, der Drops ist gelutscht!«

Jahrzehntelang hat er mich ignoriert, er verachtet das arme Würstchen in ihm und hielt mich immer unterm Pantoffel. Doch jetzt bin ich an der Reihe, DU ALTER MANN zu brüllen und die Macht über unser Leben zu beanspruchen. Zu putschen.

Gesagt, getan - und jetzt? Was mache ich mit der frisch eroberten Macht?

Na, zeichnen! Buddeln! Die Ursachen finden für mein Abkacken! Das Ruder umreißen! Auf daß die Groschen im Dutzend fallen und dem Zeichner in mir der Ausbruch gelingt! So wie damals Karl. Die Nuß muß doch zu knacken sein - oder ist es dafür bereits zu spät?

Über einen wichtigen Groschen werde ich nächstes Mal schreiben - über »Peinliche Frühwerke«!

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